130 Jahre Realschule

Archivalie des Monats Februar 2026

 

Die Entwicklung der Laupheimer Realschule ist eng mit dem Wandel der Stadt vom „Schulnachzügler“ zur Schulstadt verbunden. Schon seit 1845 galt Laupheim als Oberamtsstadt grundsätzlich als „reif“ für eine weiterführende Schule, doch 1869 entschied man sich zunächst für eine klassisch-humanistische Lateinschule, auch weil sie den Zugang zu höheren Bildungswegen erleichterte. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Laupheims als Gewerbe- und Handelsstadt wuchs jedoch im späten 19. Jahrhundert das Bedürfnis nach einer praxisnahen mittleren Bildung, stärker naturwissenschaftlich und modernsprachlich ausgerichtet und damit passender für Bürgertum, Handel und Handwerk. Private Realschul-Initiativen scheiterten um 1860 und 1885 – vermutlich auch, um die Lateinschule zu schützen –, doch der Mangel wurde 1892 öffentlich als dringend benannt. Schließlich kam es 1896 zur Gründung einer selbständigen Realschule neben der Lateinschule. Der Anstoß war dabei erstaunlich pragmatisch: Eine Lehrerstelle wurde frei und gezielt mit einem Reallehrer besetzt, wodurch die neue Schulform organisatorisch Fuß fassen konnte. Inhaltlich setzte sie früh auf Naturwissenschaften und moderne Sprachen; zunächst war Französisch die erste Fremdsprache, später kam Englisch hinzu. Die Realschule wurde sofort gut angenommen und startete sogar mit mehr Schülern als die Lateinschule – ein Zeichen, dass Laupheims Zukunft eher praxisorientierte Bildung verlangte.


Der Namensgebende jüdische Künstler aus Laupheim Friedrich Adler in jungen Jahren
(Quelle Nachlass Ernst Schälle im Stadtarchiv Laupheim)

der jüdische Künster Professor Friedrich Adler in späteren Jahren
(Quelle Nachlass Ernst Schäll im Stadtarchiv Laupheim)

Urkunde zur Umbenennung als Friedrich-Adler-Realschule
(Quelle Stadtarchiv Laupheim)


Im frühen 20. Jahrhundert wurden die Bildungswege mehrfach neu geordnet. Nach einer organisatorischen Zusammenlegung entstand eine „Latein- und Realschule“, die ursprünglich als Knabenschule geführt wurde. 1904 entbrannte erstmals eine konkrete Debatte über die Aufnahme von Mädchen; nachdem eine Schülerin provisorisch aufgenommen worden war, erklärte die Stadt am 30. September 1904 grundsätzlich, dass gegen Mädchen in Latein- und Realschule nichts einzuwenden sei – allerdings ohne zusätzliche Belastungen für die Gemeinde. 1905 wurde diese Öffnung praktisch sichtbar: Mit den ersten acht Realschülerinnen stiegen die Zahlen deutlich an und überschritten erstmals die Hundertermarke, was den Bedeutungszuwachs der Realschule unterstrich. 1911 folgte der Umzug in den Neubau in der Rabenstraße (heute Wielandschule), der den Standort räumlich konsolidierte. 1925 wurde die Schule sechsklassig ausgebaut und die Mittlere Reife als Abschluss eingeführt; bis 1927 musste der mündliche Prüfungsteil noch in Biberach abgelegt werden – ein Hinweis darauf, wie sich der Bildungsweg erst schrittweise als eigenständig etablierte. 1930 wurde die Schule in „Realschule mit Lateinabteilung“ umbenannt, weil die Realschüler zahlenmäßig deutlich überwogen. In den 1930er-Jahren verschärfte sich dann die Lage für jüdische Schülerinnen und Schüler, und im Zuge landesweiter Umstrukturierungen verschwand der Begriff „Realschule“ schließlich wieder aus dem Namen: 1937 wurde die Schule per staatlicher Vorgabe zur „Oberschule in Laupheim“ umbenannt.

 

Damit fehlte Laupheim über Jahrzehnte die „mittlere Ebene“ zwischen Volksschule/Hauptschule und höherer Lehranstalt. Besonders schmerzlich wurde das 1932 sichtbar, als in der Weltwirtschaftskrise aus finanziellen Gründen die katholische Mädchen-Mittelschule – die seit 1905 praktische und sprachliche Inhalte (z. B. Französisch und Stenografie) angeboten hatte, aber lange keinen vollwertigen mittleren Abschluss – aufgelöst wurde. Zwar hielt der Gemeinderat damals fest, man wolle eine Mittelschule wiedererrichten, sobald es die Verhältnisse erlaubten, doch tatsächlich dauerte es über dreißig Jahre. Die Ursache lag auch in der allgemeinen Schulpolitik nach 1945: Zwischen 1945 und 1965 dominierte in Westdeutschland eher eine restaurative Phase, in der man das System weitgehend wiederherstellte, statt es tiefgreifend zu reformieren. Erst ab Mitte der 1960er-Jahre setzte eine breite Bildungsexpansion ein, verstärkt durch schulpolitische Impulse (Rahmenplan 1959, Debatte um „Bildungskatastrophe“ und Lehrermangel Anfang der 1960er-Jahre).

 

Vor diesem Hintergrund kam es in Laupheim zur entscheidenden Wende: 1968 wurde in bemerkenswerter Geschwindigkeit wieder eine Realschule gegründet – der direkte Ursprung der heutigen Schule. Am 12. Februar 1968 beschloss der Gemeinderat, die Errichtung zu beantragen; am 18. Juli 1968 kam telefonisch die Genehmigung; am 9. September 1968 begann der Unterricht, zunächst unter improvisierten Bedingungen und mit einem Lehrerkollegium, das erst kurz vor dem Start vollständig stand. Möglich wurde die schnelle Eröffnung auch dadurch, dass Anfang 1968 der Gymnasium-Neubau fertiggestellt wurde und im alten Gebäude Räume frei wurden, und weil Bürgermeister Schick seit 1967 intensiv auf die Genehmigung hingearbeitet hatte. Die Realschule schloss damit die seit 1932 empfundene Lücke in der Bildungslandschaft und war zugleich ein strategisches Instrument zur Sicherung des Einzugsgebiets: Schon früh kamen zunehmend Schüler aus dem Umland nach Laupheim; ab Mitte der 1970er Jahre stellten Auswärtige oft mehr als die Hälfte, teils sogar bis zu zwei Drittel der Schülerschaft (z. B. 1992/93). Nach starkem Wachstum in den 1970er Jahren, einem Rückgang ab 1982/83 („Pillenknick“) und erneutem Anstieg in den 1990ern erreichte die Schule 1994 wieder das frühere Höchstniveau und stellte 1995 mit 801 Schülern ihren damaligen Rekord auf – als größte Realschule im Landkreis Biberach.

 

Ebenfalls 1995 erhielt die Schule ihren heutigen Namen Friedrich-Adler-Realschule. Benannt wurde sie nach Friedrich Adler, einem in Laupheim geborenen jüdischen Künstler und Designer, der 1942 deportiert und ermordet wurde. Die Namensgebung war damit nicht nur eine formale Bezeichnung, sondern bewusstes Zeichen der städtischen Erinnerungskultur und der Auseinandersetzung mit lokaler Geschichte. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Schulstandort weiterentwickelt und baulich ausgebaut. Ein besonders großer Meilenstein war der Schulerweiterungsbau ab 2011 im Verbund mit dem benachbarten Carl-Laemmle-Gymnasium; 2012 wurde der Neubau bzw. die Erweiterung eingeweiht und brachte spürbare Entlastung durch zusätzliche Unterrichts- und Fachräume sowie bessere Voraussetzungen für moderne Lernformen und ganztägige Angebote. Inhaltlich schärfte die Schule ihr Profil in Fragen von Haltung und Verantwortung: seit 2012 gehört sie zum Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, ergänzt durch Präventions- und Interventionsansätze gegen Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In den 2020er-Jahren prägten erneut steigende Schülerzahlen den Alltag und verstärkten den Raumbedarf. Darauf reagierte man mit pragmatischen Lösungen wie Modulbauten: 2023 kamen zunächst zwei zusätzliche Klassenzimmer hinzu, 2025 folgten weitere Module; parallel wurden im Bestandsgebäude Umbauten umgesetzt, um Abläufe und Infrastruktur an die Anforderungen der Gegenwart anzupassen. So zeigt sich über die gesamte Linie hinweg: Die Realschule war und ist ein zentraler Motor der Laupheimer Bildungsentwicklung – von der späten Gründung 1896 über den Bruch der 1930er-Jahre, die Neugründung 1968 bis zur bewussten Namensgebung 1995 und der fortlaufenden Modernisierung bis heute.

 

 

https://stadtarchiv-laupheim.de/die-archivalien-des-monats/archivalien-des-monats-2026/